Mehr Mythos als Wahrheit

Wie die ARD Kennedy durch Castro ermorden ließ

07.03.2024

Vor 20 Jahren recherchierte ich den Film der ARD »Rendezvous mit dem Tod - Castro und Kennedy« nach. Die dort aufgestellte Behauptung: der kubanische Geheimdienst G2 - also Fidel Castro - steckt hinter dem Attentat auf US-Präsident Kennedy. Dabei stieß ich auch auf das vermeintliche »Geheimdossier«, mit dem diese Theorie in der Hauptsache bewiesen werden sollte. Noch heute gilt: Unfassbare Arbeit!

Aktuelles Kennedy Attentat

Über einen Film der ARD, der mit einem »Geheimdossier« den Mord an Kennedy aufklären soll.

Nichts ist, wie es scheint. Und jede der Kernaussagen in der Dokumentation ließ für Kenner ziemliche Versäumnisse und Verfälschungen bei der Recherche erkennen.

Die Beweise sind dürftig, die Zeugen dubios.

Zum Attentat auf John F. Kennedy am 22.11.1963 in Dallas existieren diverse Theorien, die fast alle einer gewissen Logik nicht entbehren. Taucht man dann aber etwas tiefer in die Materie ab, werden teils gravierende Schwächen im Faktencheck erkennbar. Im Buch »Rendezvous mit der Quote – Wie die ARD Kennedy durch Castro ermorden ließ« ist detailliert dargestellt, welche Relevanz die Behauptungen in der Dokumentation der ARD und von Wilfried Huismann haben. Dass die Verantwortlichen des Senders und der Filmautor Huismann nach dem Bekanntwerden der Ergebnisse meiner Recherchen noch Fakten hinterherschoben, die zwar ihre Sicht der Dinge bestätigen sollten, aber sich ebenso als unhaltbar herausstellten, ist genauso spannend wie deren urspüngliche Behauptungen. Förmlich unfassbar sind die Produktionskosten in Höhe von 850.000 Euro im Verhältnis zum abgelieferten Ergebnis.

Focus berichtete über den ARD-Film zum Kennedy-Attentat

Das Nachrichtenmagazin FOCUS hatte seinerzeit schon zu einem frühen Zeitpunkt über meine Recherchen in seiner Ausgabe berichtet. Deren Schlagzeile:

Rendezvous mit dem Bluff: Castro ließ Präsident Kennedy ermorden, behauptet ein ARD-Film. Die Beweise sind dürftig, die Zeugen dubios.

Castro ließ Präsident Kennedy ermorden – vollmundige Versprechen vom WDR-Fernsehdirektor

»Es sind Menschen, die Geschichte machen, und Menschen sind es auch, die die Bücher zur Geschichte schreiben. Von beidem handelt die herausragende ARD-Dokumentation Rendezvous mit dem Tod – Kennedy und Castro von Wilfried Huismann … Eine profunde Dokumentation, die einen völlig neuen, zeitgeschichtlichen Blick auf den 22. November 1963 öffnet.« (Ulrich Deppendorf, WDR-Fernsehdirektor)

Die zentrale Behauptung des Films ist bemerkenswert. Es habe eine Vendetta zwischen dem kubanischen Staatschef Fidel Castro und den Kennedy-Brüdern gegeben. Ein persönliches Duell, bei dem Castro mit Kennedys Ermordung den Mordanschlägen auf seine eigene Person zuvorkam, die sie auf ihn geplant hätten. Die angebliche historische Wahrheit, frei nach Huismann und seinem Co-Autor Gus Russo: Lee Harvey Oswald bekam in der kubanischen Botschaft in Mexiko-City den Auftrag samt Bargeld zur Ermordung des amerikanischen Präsidenten.

Kuba steckt also hinter dem Attentat. Der kubanische Geheimdienst G-2 plante das Attentat und ließ es ausführen. Als willfähriges Werkzeug diente dabei Lee Harvey Oswald, der die tödlichen Schüsse in Dallas abgegeben haben soll. Er hatte sich in einem Kuba-Solidaritätskomitee engagiert und war mit einer Russin verheiratet. Der perfekte Handlanger also. Zwei Untersuchungsausschüsse hatten die Kuba-These bislang eingehend beleuchtet. Eine kubanische Mitwisserschaft oder gar eine Tatbeteiligung konnte dabei nicht untermauert werden. Genausowenig die Behauptung der Filmautoren, der KGB habe Oswald an die Kubaner empfohlen.

»Bewiesen« wurde das übrigens durch die Verantwortlichen äußerst trickreich mittels eines Zeugen. Dieser gab hier vor, die Informationen durch das Drehen von Buchstaben des kyrillischen Alphabetes in seine Sprache übertragen zu haben. Dieses Verfahren habe ihn unterstützt, »alles« und »jeden beliebigen Namen« zu verstehen. Die russische Sprache beherrschte der Zeuge also nicht. Keine (andere) Pointe.

geheime-akte-kennedy-attentat Vieles von dem, was im Film der ARD als Sensation präsentiert wird, steht in bereits jahrelang bekannten Unterlagen aus dem US-Nationalarchiv. Insbesondere dieses eine Dokument, was Huismann als »Geheimdossier« bezeichnet, ist bemerkenswert.

»Ein Geheimdossier nur für Johnsons Augen. Bis heute unveröffentlicht. Der Verfasser, Johnsons Vertrauter Martin Underwood, überließ uns den Bericht mit der Auflage, ihn erst nach seinem Tod zu veröffentlichen.«, heißt es im Film Rendezvous mit dem Tod – Kennedy und Castro (Johnson ist der Nachfolger von US-Präsident Kennedy und unter ihm Vizepräsident; Underwood ist Huismanns Quelle für das Geheimdossier).

Eine alles entscheidende Frage stellt sich nun: Wie authentisch ist dieses regierungsamtliche »Geheimdossier«, dass Underwood handschriftlich »nur für Johnsons Augen« auf Briefpapier des Weißen Hauses abgefasst hatte? Leichtfüßig gehen die Autoren darüber hinweg. Das »Geheimdossier« geriet zu einem Zeitpunkt in den öffentlichen Zugriff, als der im Jahre 2003 verstorbene Martin Underwood noch lebte. Bereits 1995 wurde das in Rede stehende Geheimpapier an die amerikanischen Nationalarchive übergeben. Jeder kann dieses Dokument seither dort anfordern. Und genau das tat ich. Und die Aussagen von Underwood über dieses »Geheimdossier« gleich mit.

Die handschriftlichen Zeilen auf dem Briefpapier des Weißen Hauses stammen demzufolge tatsächlich aus der Feder von Underwood, dem früheren Mitarbeiter Präsident Johnsons. Entgegen den Behauptungen im ARD-Film »Rendezvous mit dem Tod – Kennedy und Castro« aber verfasste Martin Underwood dieses Dokument jedoch erst Anfang der 90er Jahre. Folglich war dieses Geheimdossier definitiv nicht für die Augen des 20 Jahre zuvor bereits verstorbenen ehemaligen Präsidenten Lyndon B. Johnson gedacht.

Martin Underwood erklärte in seinen Aussagen weiterhin, dass er diese Notizen für einen Buchautoren niedergeschrieben habe, der eine Publikation über Kennedy plante. Das geschah auf Briefpapier des Weißen Hauses, welches er aus seiner Zeit mit Johnson »noch übrig« hatte. Diese Notizen, so machte Underwood unmissverständlich klar, waren nichts anderes als eine Ideenskizze. Demnach diente diese zum »Geheimdossier« umfunktionierte Underwoodsche Ideenskizze für ein Kennedy-Buch später dazu, nicht eingeweihten Fernseh-Zuschauern ein erstes starkes Indiz für die kubanischen Drahtzieherschaft beim Kennedy-Attentat zu liefern.

Eine Buchidee als umfunktioniertes amtliches US-Regierungsdokument. Das hat schon was!

Anrüchig an der ganzen Story ist außerdem: Bei dem von Underwood erwähnten Buchautoren handelt es sich um keinen anderen als – wiederum – Huismanns Co-Autoren: Gus Russo.

Die ARD-Filmautoren gehen aber noch einen Schritt weiter. Das »Geheimdossier« erfährt nicht nur eine Umdeutung zum offiziellen US-Regierungsdokument. In der Farbbroschüre zum Film der ARD findet sich der Text der handgeschriebenen Notiz von Martin Underwood aber auch mit Maschine geschrieben wieder. Erstaunlicherweise sind hier – verglichen mit der handschriftlichen Notiz – nicht unwesentliche Textpassagen hinzugefügt und umformuliert worden.

Aber auch die vielen anderen vermeintlichen Sensationen des Films der ARD werden in meinem Buch einem Faktencheck unterzogen. Und so gibt es weitere Fakten, die Erstaunen hervorrufen, bei denen man ungläubig den Kopf schüttelt und denkt:

DAS kostete 850.000 Euro? Echt jetzt?

Nur wenige Stunden nachdem Kennedy ermordet wurde, analysierten FBI-Beamte eine Tonbandaufzeichnung eines Telefonates, auf dem sich ein Mann in Mexiko-City selbst als Lee Oswald identifizierte. Sie machten eine erstaunliche Entdeckung: Die Stimme war nicht Oswalds.

Der Dokumentarfilmer Huismann präsentierte in der ARD eine nicht neue Antwort auf die Frage, die Amerika in Atem hält: Wer ist für das Attentat auf John F. Kennedy verantwortlich? Castro! Meint die ARD. Und begibt sich damit auf dünnes Eis.

Der Filmbeitrag der ARD »Rendezvous mit dem Tod - Castro und Kennedy« von Wilfried Huismann hat diplomatische Folgen. Kurz nach der Ausstrahlung des massiv beworbenen Films kritisiert der Botschafter von Kuba in Deutschland, Gerardo Peñalver, die Freigabe der Dokumentation durch die Verantwortlichen der ARD.

Der frühere CIA-Mann Howard Hunt verstarb gestern im Alter von 88 Jahren. Er beschuldigt den früheren US-Präsidenten Johnson des Mordes an Präsident John F. Kennedy. Möglicherweise ist er selbst am Attentat auf Kennedy beteiligt. Einen Verleumdungsprozeß verlor er.